Der künstlerische Tanz

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Ein Sammelbilderalbum von 1933

Transkription gesprochener Text

Meine frühere Kollegin an der Hochschule für Musik Saar, Margit Reinhard-Hesedenz, hat mir ein ganz besonderes Geschenk gemacht: ein Zigaretten-Sammelbilderalbum Der künstlerische Tanz.

Es wurde 1933 von der Zigarettenfabrik Haus Neuerburg in Merzig (Saar) herausgegeben. Um Wittlich herum wurde im 19. Jh. Tabak angebaut. Daraus hat sich eine Tabakindustrie entwickelt, und schließlich, mit dem neu entstehenden Bedarf an Zigaretten, wurde die Fabrik in Trier sehr erfolgreich und hat 1922 in Merzig eine Zweigstelle eröffnet hat.

Wenn man also Zigaretten aus dem Haus Neuerburg kaufte, bekam man einige Sammelbilder und konnte sie dann in das Album kleben. Bedauerlicherweise ist mein Album nicht vollständig. Trotzdem ist es ein wichtiges Zeitdokument, das Tänzerinnen und Tänzer des künstlerischen Tanzes um 1933 repräsentiert.

Dem Album ist ein ausführlicher Text über die Bedeutung und den Wert von Tanz für alle Völker der Erde vorangestellt

„Tanz ist die höchste, die ergreifendste, die schönste der Künste, weil er nicht eine bloße Übersetzung des Lebens ist. Er ist die einzige Kunst, deren Stoff wir selbst sind.“ Es gibt auch einen Bezug zum damaligen Zeitgeschehen: Im Januar 1933 hat Hitler die Macht ergriffen.

„Wenn wir nun eine Bildersammlung Der künstlerische Tanz als Werbebeilage für unsere bekannten Qualitätszigaretten (……) herausbringen, so geschieht es vor allem, um in die Schwere der Gegenwart einen Moment heiterer Beschwingtheit hineinzutragen. Dient doch auch eine gute Zigarette dem gleichen Ziel. Mögen diese Augenblicksbilder der heutigen Tanzkunst das Verständnis für das allen Völkern gemeinsame Ideal rhythmischer Schönheit, seelischer Lauterkeit und sittlicher Vollkommenheit vermitteln und vertiefen und zugleich unseren Anhängern eine rechte Sammlerfreude bereiten.“

Im Inhaltsverzeichnis sind 13 Gruppen aufgeführt, beginnend mit „Tänzer von Weltruf, Freie deutsche Tanzkunst und Deutsche Tanzbühne“. Dann wurde nach Ländern und Genres gruppiert.

Die Abgebildeten sind fast ausschließlich Frauen und im Album wird hauptsächlich die romantisierende, verherrlichende und idealisierende Beschreibung für tanzende Frauen verwendet. Dabei wurde die Tanzkunst ab 1900 revolutioniert – von Frauen.

Ich greife die Persönlichkeiten heraus, deren Wirken bis ins heutige Tanzgeschehen von Bedeutung ist.

Anna Pawlowa wird als die größte aller Tänzerinnen bezeichnet. Mit ihrem sterbenden Schwan hat sie sich ein einzigartiges Denkmal gesetzt. Choreografiert wurde er von Mikail Fokin zur Musik „Der Schwan“ aus dem Karneval der Tiere von Camille Saint-Saëns.

Tamara Karsavina war eine typische Primaballerina des romantischen Balletts aus der kaiserlich russischen Ballettschule am Marinskij Theater in St. Petersburg. Erst mit dem russischen Impresario Sergej Diaghilew berühmt, der in Paris die Ballets Russes mit emigrierten russischen Tänzer*innen gründete. Sein Anliegen war es, verschiedene Kunstformen als Gesamtkunstwerk auf die Bühne zu bringen – also Licht, Bühnenbild, Kostüm, Musik und Tanz. Dafür arbeitete er vor allem mit russischen Künstlerinnen und Künstlern, um deren Arbeit im Westen vorzustellen.

Mary Wigman wird zu Recht unter der Überschrift „Tänzerinnen von Weltruf“ vorgestellt. Sie ist die Ikone des Ausdruckstanzes als Tänzerin, Choreografin und Tanzpädagogin. Mary Wigman war Schülerin von Rudolf von Laban und Assistentin in seinen Sommerkursen auf dem Monte Verità am Lago Maggiore. Dort haben die beiden grundlegend mit Bewegung und Tanz experimentiert, um neue tänzerische Ausdrucksweisen zu finden. Mit dem Ausdruckstanz haben sie die Körper im Tanz revolutioniert und eine neue Tanzform geschaffen. In ihrer eigenständigen Arbeit folgte Mary Wigman aber nicht Labans Raumgesetzen, sondern setzte emotionale Vorgänge tänzerisch um.

Der Ausdruckstanz ist vor allem eine Revolution der Frauen gegen das Bild der Tänzerinnen des romantischen Balletts des 19. Jahrhunderts. Sie tanzten barfuß, auf flachen Sohlen, und setzten auch dunkle und angstmachende Themen wie z. B. den Tod in ihren Tänzen um. Ein berühmtes Beispiel dafür ist der Hexentanz von Mary Wigman.

Viele Vertreterinnen des Ausdruckstanzes, ausgebildet durch Mary Wigman, haben den jungen künstlerischen Tanz international weiterentwickelt.

Zum Beispiel Gret Palucca: Sie gründete 1925 die Palucca Hochschule für Tanz in Dresden. Eine bis heute wichtige Ausbildungsstätte für den künstlerischen Tanz. (100 Jahre Palucca Hochschule)

Hanya Holm war eine der bedeutendsten Mitarbeiterinnen von Mary Wigman. Sie gründete 1931 die Wigman Schule in New York.

Anita Berber war eine energiegeladene junge Tänzerin und Künstlerin, eine Vorkämpferin für die Erotisierung des Tanzes. Ihr exzessives Leben war oft Tagesgespräch.

Rosalia Chladek entwickelte ein eigenes tanzpädagogisches System, nach dem bis heute unter der Leitung der Internationalen Gesellschaft Rosalia Chladek erfolgreich unterrichtet wird. Im Vorstand der Arbeitsgemeinschaft RC Deutschland ist meine Saarbrücker Kollegin Eva Lajko.

Valeska Gert: Bis heute ist sie berühmt für ihre einzigartige und grotesk künstlerische tänzerische Ausdrucksweise.

Kurt Jooss war Mitbegründer der Folkwangschule für Musik, Tanz und Sprechen (so hieß sie anfangs) und leitete dort die Tanzabteilung. 1933 emigrierte er nach England, und setzte dort mit vielen Schüler*innen und Lehrkräften, die ihm gefolgt waren, seine Arbeit am neuen künstlerischen Tanz fort. 1949 kehrte er nach Deutschland zurück und arbeitete bis zu seiner Pensionierung 1968 wieder als Leiter der Tanzabteilung an der Folkwang Universität der Künste. Sein bekanntestes Werk ist das Antikriegsballett „Der grüne Tisch“. Das leider heute eine neue Aktualität bekommt.

Rudolf von Laban ist Begründer des Ausdruckstanzes. Mit Mary Wigman schuf er den reinen Ausdruckstanz und gründete verschiedene Schulen für Tanz in der Schweiz und in Deutschland und choreografierte schon vor dem 1. Weltkrieg seine Bewegungschöre. Er definierte seine Raumlehre und entwickelte die Labannotation, eines der wenigen und wichtigsten Notationssysteme für den Tanz bis heute.

Die neuen Ausbildungen im modernen Tanz verhelfen den Absolvent*innen an die Stadt- und Staatstheater.


Das Tanzgenie der Russen

Olga Spessiva, Hüterin der streng klassisch russischen Balletttradition.

Vera Fokina war eine klassisch ausgebildete Balletttänzerin vom Marinskiy Theater St. Petersburg, und Ehefrau des Choreografen Mikail Fokin. Sie folgte ihm nach Paris und unterstützte ihn dort bei den revolutionären Gesamtkunstwerken der Ballets Russes unter dem Impresario Diaghilew

Die Werke der Ballets Russes haben in ihrer Zeit für Tumulte und Krawalle unter den Zuschauenden gesorgt und mussten häufig abgesetzt werden. Unter anderem ihr „Sacre du Printemps“ von 1913 in Paris.

Bronislava Nijinska wird als Wegbereiterin und eine der bedeutendsten Choreografinnen der Ballets Russes erwähnt. Ich kenne Mikail Fokin und Vaclav Nijinski, ihren Bruder, als die wichtigsten Choreografen der Ballets Russes. Es erstaunt mich, dass Waslav Nijinski keine Erwähnung in diesem Album findet, war er doch der erste tanzende männliche Weltstar. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass er nach seinem Nervenzusammenbruch 1919 bis zu seinem Tod sein Leben in psychiatrischen Kliniken in der Schweiz verbrachte.

Hier sehen wir Lisa Duncan, Adoptivtochter von Isadora Duncan, der Revolutionärin gegen das romantische Ballett. Sie gilt als Wegbereiterin für den Ausdruckstanz und als starke Inspiration für den neu entstehenden künstlerischen Tanz. Sie tanzte schon Anfang des 20. Jahrhunderts barfuß und leicht bekleidet und sorgte damit für Skandale. Dennoch: Sie war sehr erfolgreich in Europa. In Russland war sie mit ihrem Auftritt im Marinski-Theater in St. Petersburg ein wichtiger Impuls für Anna Pawlowa, Vaclav Nijinski und viele andere, Russland zu verlassen und sich in Paris Diaghilew und den Ballets Russes anzuschließen.

Lisa wurde in Deutschland und Frankreich durch die Schulen der Schwestern Isadora und Elisabeth Duncan ausgebildet, emigrierte nach Ausbruch des Krieges nach Amerika, tanzte und unterrichtete dort und hatte den Erfolg, den Isadora in ihrer Heimat nie gehabt hatte. Später zog sie zurück nach Frankreich und starb 1976 in ihrer Geburtsstadt Dresden.

Exotische Tanzkünstler

Udai Shankar war ein indischer Tänzer, der den Indischen Tanz erneuerte und ihn für die neuen europäischen Einflüsse öffnete. Er tanzte mit Anna Pawlowa in Indien und sorgte dafür, dass Anna Pawlowa nicht nur dort ein Synonym für die hohe Kunst des Balletts wurde.

Josephine Baker war eine Kämpferin gegen Rassentrennung. Sie wird im Album als „tanzbegabte Negerin“ untertitelt. Eine der vielen rassistischen Beleidigungen gegen diese unerschrockene Tänzerin und Aktivistin.

Insgesamt gibt es in diesem Album Platzhalter für 240 Bilder, jedes Bild steht symbolisch für ein Tänzerinnenleben. Von vielen habe ich noch nie gehört, andere habe ich zum ersten Mal abgebildet gesehen. Das Blättern eröffnet einen Blick in die Vergangenheit. Mit meinen kurzen Beschreibungen von einigen Wenigen habe ich versucht, eine Verbindung zum Heute zu knüpfen. Allerdings sind es alle 240, und noch viele mehr, die zur Entwicklung und Schaffung der heutigen Erscheinungsformen beigetragen haben. Denn Tanz ist lebendig, er inspiriert und formt, und entwickelt sich ständig weiter. Daher empfinde ich den Blick auf die Epoche bis 1933 als sehr bedeutsam. Es ist eine Zeit, in welcher der Tanz eine Erneuerung erfuhr und sich durch die mannigfaltigen neuen Einflüsse und das neuartige Bewegungspotenzial experimentierfreudiger Tänzer*innen und Choreograf*innen fortentwickelte und neu manifestierte.

Texte, historische und aktuelle Film- und Tonaufnahmen zu den Tanzkünstler*innen (die Schreibweise der russischen Namen variiert sehr stark), die Tanzgeschichte geschrieben haben:


Hi, ich bin Seraina

Mein künstlerischer Schwerpunkt liegt auf der Tanzimprovisation und der Interaktion mit anderen Kunstformen. Mein Anliegen ist der Dialog mit Tanz durch künstlerische und pädagogische Projekte.

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